Über „dumme“ und „schlaue“ Smart Meter in Deutschland

Dumme” und “schlaue” Smart Meter? Diese Unterscheidung ist in Deutschland leider tatsächlich angebracht und wahrscheinlich einmalig im Vergleich zu anderen Ländern. Denn anders als fast überall sonst auf der Welt werden digitale Stromzähler in ca. 90% der Haushalte keine Mehrwerte bieten können, da die Zähler nicht in eine sichere Cloud eingebunden sind. Abhilfe können für den Moment sogenannte Dongles schaffen.

Weltweit werden Smart Meter als Geräte verstanden, die den Stromverbrauch aufnehmen, digitalisieren und diesen in regelmäßigen Abständen in die Cloud senden. Also das, was üblicherweise mit dem Begriff “smart” assoziiert wird.  In Deutschland bedeutet Smart Meter jedoch nicht unbedingt Smart Meter. Bei Kunden ab einem Verbrauch von 6.000 kWh (ca. 6+ Personenhaushalt) werden per Gesetz Smart Meter verbaut, die die Daten aufnehmen und in die Cloud senden. Dieser deutsche “richtige” Smart Meter wird auch “intelligentes Messsystem” genannt.

Über 90% aller deutschen Haushalte verbrauchen jedoch weniger als 6.000 kWh im Jahr. Bei diesen wird bis 2032 ein “dummer” Smart Meter verbaut (eine sogenannte “moderne Messeinrichtung”). Diese Meter nehmen die Daten zwar auf, können sie aber nicht in die Cloud senden, da sie nicht mit einem Smart Meter Gateway ausgestattet sind. Etwa 36 Millionen der privaten Haushalte in Deutschland werden somit von dem wirklichen Nutzen ihres neuen Stromzählers ausgeschlossen. Eine transparente Darstellung des persönlichen Verbrauchs, welche im besten Fall zu einem bewussteren und damit sparsameren Stromverbrauch führt, ist so beispielsweise nicht möglich.

Im Jahr 2032 sind wir folglich genauso aufgestellt wie heute oder – um es ein wenig plakativer zu formulieren – wie 1888, als Galileo Ferraris in Italien den ersten Ferraris Zähler konstruierte: Die Daten bleiben im Keller und müssen einmal im Jahr abgelesen werden. Der Stromverbrauch bleibt für private Haushalte weiterhin eine Blackbox und riesige Potenziale bleiben ungenutzt. Denn eine hohe Verfügbarkeit von Stromverbrauchsdaten bildet für EVUs die Grundlage von innovativen, digitalen Stromprodukten und ermöglicht es privaten Haushalten, langfristig Strom zu sparen.

Moderne Messeinrichtungen können genau wie Ferraris Zähler keine Daten übertragen.

Die gute Nachricht ist: Durch den Einsatz von spezieller Hardware, im weitesten Sinne IoT, können auch aus modernen Messeinrichtungen Daten in die Cloud übertragen werden. Hier hat die Industrie in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt und verschiedenste Anwendungen auf den Markt gebracht. Das Grundprinzip ist dabei immer das Gleiche: Die Hardware, umgangssprachlich auch Dongle genannt, wird auf die optische Schnittstelle der modernen Messeinrichtung aufgesetzt und liest die Stromverbrauchsdaten aus dem Zähler aus.

Mittels WLAN, LoRa oder NarrowBand IoT werden die Daten von dem Dongle in die Cloud übertragen. Die Übertragungsraten variieren je nach verwendeter Technologie. Grundsätzlich lassen sich aber hohe Datenfrequenzen – nahezu in Echtzeit – erreichen. 

Dongles ermöglichen eine Datenübertragung von modernen Messeinrichtungen in die Cloud

Durch eine sinnvolle Kombination von LoRa und einer batteriebetriebenen Stromversorgung lassen sich selbst Haushalte in Mehrfamilienhäusern digitalisieren, deren Stromzähler sich für gewöhnlich im Keller und damit fernab von jeglicher Internetverbindung oder Steckdose befinden. 


Gut zu wissen: Die Bezeichnung für diese Hardware ist nicht einheitlich. Energieversorger kennen sie unter Optokoppler, OKK (optischer Kommunikationskopf), Auslesekopf oder Aufsatzmodul. Wir nennen es Dongle. Aber letztlich ist der Name egal. Was zählt, ist, dass die Endkunden in den Genuss der vielen Vorteile kommen, die diese Technologie bietet.


Die Anschaffungskosten für diese smarten Helferlein liegen, je nach Technologie, zwischen 25 bis 50 Euro. Damit sind Dongles eine kostengünstige Variante, um “dumme” Smart Meter aufzurüsten und echte Mehrwerte für die Endverbraucher zu generieren. Im Gegensatz zum intelligenten Messsystem, dem „richtigen“ Smart Meter, werden allerdings keine abrechnungsrelevanten oder systemkritischen Daten verarbeitet. Auch eine Steuerung von Geräten ist mit einem solchen Gerät nicht möglich.

Während einige EVUs den Einsatz von Dongles im Rahmen von Pilotprojekten testen, investieren andere Stadtwerke in die Entwicklung eigener Hardware. Beides lässt sehr deutlich erkennen, dass die Energiewirtschaft Dongles als eine sinnvolle Alternative wahrnimmt, um Smart Meter tatsächlich smart zu machen. Energieversorger können so den mehr als 36 Millionen Privatkunden mit einem Jahresverbrauch von weniger als 6.000kWh in Deutschland trotz “dummer” Smart Meter einen echten Mehrwert bieten.

STAWAG, Fresh Energy und Innoloft testen digitalisierte Services für Stromkunden

Aachen/Berlin, 29.04.2020. Die STAWAG, Stadtwerke Aachen Aktiengesellschaft, hat gemeinsam mit dem Berliner Smart Meter Datenunternehmen Fresh Energy und dem Aachener Startup Innoloft im Herbst letzten Jahres das Pilotprojekt „STAWAG-Digitalstrom“ gestartet. Über dieses erhalten Testkunden aktuell Echtzeiteinblicke in ihre Stromverbräuche. Möglich macht das die von Fresh Energy entwickelte White-Label-Plattform, die in Verbindung mit jeder Art von intelligenten Stromzählern und einer App Energieverbrauchsdaten von Geräten erfasst, aufbereitet und visualisiert.

„Für uns ist dies ein weiterer Baustein auf dem Weg zum digitalen Energiedienstleister. Unseren Kunden bietet der digitale Service einen direkten Nutzen“, erklärt Andreas Maul, Bereichsleiter Vertrieb bei der STAWAG. „Sie erhalten Einblick in gerätespezifische Echtzeitverbräuche und haben darüber hinaus die Chance, selbst aktiv Einfluss auf den Verbrauch zu nehmen und ihn zu reduzieren. Das wiederum trägt dazu bei, Stromkosten zu verringern und den CO2-Footprint zu reduzieren.“

Derzeit beteiligen sich 13 Pilotkunden aus dem privaten und gewerblichen Bereich an dem Projekt. Die engagierten Pilotkunden testen die Funktionen der App ausgiebig. „Am Ende entscheiden wir, ob das Pilotprojekt in die weitere Umsetzung gehen wird oder nicht“, so Andreas Maul. Bei einer Realisierung würden die Stromkunden zudem von einer transparenten Abrechnung auf Basis ihres Verbrauchs profitieren, bei der die monatlichen Abschlagszahlungen entfallen.


digitalHUB Aachen als innovativer Testkunde beteiligt

Einer der gewerblichen Testkunden ist der digitalHUB Aachen, der die digitalCHURCH als bundesweit ersten CoWorking Space in einem Kirchenschiff betreibt. Die Kirche ist Sinnbild für einen besonderen Ort der Kommunikation und Offenheit, der aber auch Verbundenheit und Nähe zum Menschen signalisiert. Anliegen des digitalHUB ist es, junge Gründer und ihre innovativen Ideen mit der Stadt Aachen, etablierten Unternehmen der Umgebung und darüber hinaus zu verbinden.

„Das Pilotprojekt ‘STAWAG-Digitalstrom’ zeigt, dass unser Konzept aufgeht. Durch die enge Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit digitalen Startups entstehen in den Unternehmen neue Geschäftsmodelle in Hinblick auf Kundenzentrierung und digitale Wertschöpfung“, erläutert Iris Wilhelmi, Geschäftsführerin des digitalHUB Aachen e.V. „Als Testkunde freuen wir uns sehr über den detaillierten Überblick zu unseren Stromverbräuchen und können diese nun auch aktiv in Richtung Energieeffizienz steuern“, resümiert Wilhelmi.


Innoloft stellte Weichen für den Testpiloten 

Unterstützung beim aktuellen Pilotprojekt erhält die STAWAG durch das Innovationsnetzwerk Innoloft. Mit Fokus auf Innovationsprojekte begleitet Innoloft Innovationsprozesse von der Initiierung, Planung bis hin zur Implementierung digitaler Geschäftsmodelle. So ging der Anstoß zum „STAWAG-Digitalstrom“ Projekt von Innoloft aus. Zudem engagiert sich Innoloft als Testkunde in dem Projekt. „Als innovationsförderndes Unternehmen wollen wir Innovationsprojekte nicht nur initiieren, sondern ebenso dafür sorgen, dass sie umgesetzt werden. Das „STAWAG-Digitalstrom“ Projekt war die passende Gelegenheit, uns aktiv an einer für den Energiemarkt Weichen stellenden Lösung zu beteiligen“, erklärt Sven Pietsch, CEO von Innoloft. Daher hat auch Innoloft seinen Stromzähler auf „digital“ umgestellt. Das Aachener Startup hat ebenfalls seinen Sitz in der digitalCHURCH und bezog im letzten Jahr seine Büroräume im Kaplanshaus der ehemaligen Kirche.


Strom als personalisiertes Produkt um Zusatzservices ergänzt

Ein Hauptanliegen des „STAWAG-Digitalstrom“ Projektes ist, den Strom für Kunden zu personalisieren: „Wir bringen mit einem personalisierten Zugang zum individuellen Verbrauch das Produkt Strom näher an die Menschen heran, wodurch Energieversorger, wie die STAWAG, besser auf Kundenwünsche und -bedürfnisse eingehen können“, sagt Artur Borger, Chief Commercial Officer bei Fresh Energy. „Allerdings ist die Herstellung von Strom-Transparenz und der verbrauchsgenauen Abrechnung am Ende des Monats nur der Anfang. Unser Serviceangebot wird durch weitere Mehrwert-Services für die Kunden ergänzt“, betont Borger.

Damit sollen künftig Endkunden nicht nur mit Energie, sondern ebenso mit Gesundheits-, Sicherheits- und weiteren Services versorgt werden können. Natürlich immer unter Beachtung von  höchstem Datenschutz und immer nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden hin. Das Feedback von Kunden, die die bestehende App nutzen, ist laut einer Marktbefragung von Fresh Energy jedenfalls positiv. 74 Prozent von 105 befragten Usern würden die App weiterempfehlen, 77 Prozent schätzen die monatliche Abrechnung und 84 Prozent gaben an, enttäuscht zu sein, wenn sie die App nicht mehr nutzen könnten.


Über die Stadtwerke Aachen  

Die STAWAG ist der Energiedienstleister für Aachen und treibt schon seit 25 Jahren Innovationen und Klimaschutz voran. Sie liefert täglich Strom, Erdgas, Fernwärme und Trinkwasser an über 150 000 Kunden. (www.stawag.de)


Über Innoloft

Das Innoloft Netzwerk fördert Innovationen, indem es die innovativsten Akteure aus allen Technologiebranchen verbindet. Join now and create tomorrow together!
( https://innoloft.com)


Über digitalHUB Aachen

Der digitalHUB gestaltet Digitalisierung gemeinsam mit Startups und etablierten Unternehmen. Durch Information, Bildung und Beratung sowie Vernetzung und CoWorking schaffen sie ein Ökosystemen für digitale Innovationen.
(https://aachen.digital/digitalhub-aachen/)