Die Energiewirtschaft von Morgen – Wer gestaltet und wer läuft hinterher?

An jeder Ecke stehen zahlreiche E-Roller. CarSharing übernimmt die Straßen der Großstädte. Alle zwei Meter findet man eine Ladesäule für Elektroautos. Die Elektrifizierung und fortschreitende Digitalisierung werden zunehmend im Alltag bemerkbar. Was bedeutet das für Deutschlands Stromanbieter?

Die Digitalisierung hat auch im Energiesektor Einzug gehalten und definiert den Markt von Grund auf neu. Der Konkurrenzkampf ist hoch, Margen sinken und die Wechselquote der Stromkunden steigt stetig. Strom ausschließlich als Kernprodukt anzubieten, ist heute längst nicht mehr lukrativ. Die Energieversorger von Heute werden zum Energiedienstleister von Morgen, die verstärkt Produkte anbieten, die das Kerngeschäft Strom, Wärme und Wasser erweitern. 

Die EVUs müssen sich neu positionieren, so viel ist klar. Doch wie genau sieht der Status Quo bei den Energieversorgern aus? Welche Produkte werden von den Versorgern in Richtung des privaten Endkunden angeboten und ausprobiert? 

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat Fresh Energy die Online-Präsenzen von 67 Energieversorgern aller Art ausgewertet. Die Versorger werden dabei nach regional oder überregional, sowie durch die Endkundenanzahl weiter charakterisiert. Insgesamt wurden neben dem klassischen Stromangebot fünf weitere Produktbereiche identifiziert: E-Mobility, Energieeffizienz, Smart Home, Erneuerbare Energien und weitere digitale Services. 

©Fresh Energy GmbH

E-Mobility

Insbesondere im Bereich E-Mobility sind die einzelnen EVUs bereits sehr aktiv:  Etwa 75% aller Energieversorger bieten schon heute ein Produkt aus diesem Cluster an. Viele Produkte beschränken sich auf Ladesäulen oder sogenannte Wallboxes, eine private Ladesäule für Zuhause. Diese Ladesäulen können die Kunden per App lokalisieren. Während sich kommunale Stromanbieter bisweilen auf das Anbieten ebensolcher Ladesäule oder aber E-Bikes und CarSharing beschränken, sind größere EVUs bereits stärker in den Verkauf von Ladesäulen oder Wallboxes eingestiegen. Dagegen ist ein Angebot zur Vermietung von E-Bikes lediglich bei kommunalen Versorgern zu finden. 

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Erneuerbare Eigenerzeugung

Was die erneuerbare Eigenerzeugung angeht, so haben knapp 60% der größeren Energieversorger Solaranlagen, Speicher und Wärmepumpen in ihr Sortiment aufgenommen.

Ein zusätzliches Angebot der Big Player wie E.ON oder SENEC, ist die sogenannte Stromcloud. In der Stromcloud wird der ausschließlich aus erneuerbarer Energie erzeugte und noch nicht verbrauchte Strom des Kunden gespeichert. Auf diesen Speicher kann dann eine gewisse Stromcommunity zugreifen. So wird sichergestellt, dass jeder Megawatt genutzt und nicht verschwendet wird. Viele EVUs bieten in diesem Zuge weitere Partnerservices wie beispielsweise die Anlageninstallation an, um den Aufwand für den Kunden zu verringern und ein positives Kundenerlebnis zu erzeugen.

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Energieeffizienz-Check

Ausschließlich “grüne Energie” zu erzeugen, ist das Eine, weniger Energie insgesamt zu nutzen das Andere. Im Bereich der Energieeffizienz bieten ungefähr 90% aller kommunalen EVUs einen sogenannten Energieeffizienz-Check an, bei den überregionalen Anbietern sind es nur knapp über 40%. Dieser Check umfasst eine ausführliche Energieberatung, das Tracking von Haushaltsgeräten mit Adaptern oder einen kompletten Check des Hauses mit Wärmebildkameras. So kann z.B. auf einen Blick erkannt werden, an welchen Stellen das Haus nicht optimal gedämmt ist oder unnötig Energie an die Umwelt abgibt.

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Smart Home

Zusätzlich bieten 75% der großen kommunalen Versorger, mit über eine Millionen Kunden, vermehrt Smart Home Lösungen an. Im Gegensatz dazu sind Smart Home Angebote auf nicht kommunaler Ebene und bei kleinen kommunalen Versorgern kaum vertreten. Durch intelligente, fernsteuerbare Geräte lassen sich zugleich Wohnkomfort, Energieeffizienz und Sicherheit steigern. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für ein Smart-Home Device ist die virtuelle Assistentin “Alexa” von Amazon. 

Weitere Angebote & Services

Abgesehen von den beschriebenen vier großen Produktcluster gibt es auch noch zahlreiche weitere Angebote und Dienstleistungen. Diese haben wir unter den digitalen Services zusammengefasst. Beinahe zum Standard sind die Self Services geworden. Dadurch können sich Kunden ganz bequem und zu jeder Zeit ins persönliche Kundenportal einloggen, Rechnungen einsehen, Zählerstände übermitteln und Kontaktdaten aktualisieren. 

Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Trend aufgrund zunehmender Digitalisierung immer weiter in Richtung Differenzierung und Customization geht. Besonders die privaten Endkunden fordern zunehmend mehr Komfort und entwickeln ein Bewusstsein für ihre persönliche Energiewelt. Die oben genannten Beispiele sind sicherlich nur der Anfang einer sich verändernden Energieindustrie, deren Kerngeschäft vermutlich nicht mehr nur im Anbieten von Strom, Wärme oder Wasser liegen wird. Fraglich ist, wer diesen Wandel nicht nur mitgeht, sondern proaktiv mitgestaltet.