Warum Energie- und Gesundheitswirtschaft enger zueinander finden werden

Wer kennt die Sorge über einen allein lebenden Angehörigen nicht? Und welcher allein lebender Mensch kennt anders herum nicht das bedrückende Gefühl ständiger Überwachung und Rechtfertigung? Bisherige Technologien, die diesen Zwiespalt auflösen wollen, stigmatisieren nach wie vor und sind sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt teuer. Es klingt auf den ersten Blick unglaublich, doch tatsächlich lässt sich durch die Analyse von Energieverbrauchsdaten die Vereinbarkeit von akzeptabler Sicherheit und Sorgenfreiheit im Alltag erreichen. Wir haben dazu mit Till Walter gesprochen, dem Leiter des Vorstandsbereichs Innovationsmanagement und Strategische Kooperationen von der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V..

Das Leben gleicht meist einer Achterbahnfahrt: Wir fühlen uns quicklebendig – doch dann – wie aus dem Nichts – gibt es diese kurzen Momente, meist Unfälle, die das Leben nachhaltig verändern. Wie der Mikrozensus 2017 bestätigt, treten die meisten Unfälle (27%) tatsächlich im häuslichen Umfeld auf – zum Vergleich: Verkehrsunfälle machen nur 11% aus. 2017 sind beispielsweise knapp 198.000 Personen zu Hause verunglückt. Davon waren ca. die Hälfte (97.000 Personen) über 65 Jahre alt.

Kein Wunder also, dass sich Angehörige von allein lebenden Personen besonders Sorgen machen.  “Die Angehörigen wohnen meist weit entfernt und so rückt auch verstärkt die Sicherheit in den Fokus der Familie”, erläutert Till. Gleichzeitig wollen vermeintlich gefährdete Personen auch nicht das Gefühl haben, ständig überwacht zu werden oder gar jemandem zur Last zu fallen. Eine Umfrage der Techniker Krankenkasse bestätigt: Die mit Abstand größte Sorge in Bezug auf das Altern ist der Verlust der Selbstständigkeit.

Hier verspricht das Trendthema Smart Home scheinbar gute Lösungen: Kameras, Bewegungssensoren, Hausnotrufknopf. Mit diesem Rundum-Sorglos-Paket ließen sich doch alle Notfälle erkennen – warum also nicht direkt zur Tat schreiten und die betroffenen Haushalte mit diesen Helferlein ausrüsten? Die Praxiserfahrungen von den Johannitern zeigen: “Die Hürde besteht darin, dass die Personen, die solche Lösungen nutzen möchten, nun abwägen, ob der Mehrwert so hoch ist, diese Technik in der Mietswohnung (immerhin wohnen 58% der Deutschen zur Miete) zu verbauen.”

Weitere Projekte kamen hinsichtliches des Einsatzes von Smart Home für Assistenzsysteme zu dem Schluss: Bewohner fühlen sich stigmatisiert und beobachtet. Zudem wird die zum Einsatz kommende Technik von der Krankenkasse oft nicht bezuschusst. Und selbst technisch ausgefeilte Lösungen versprechen keine 100%ige Erkennungsrate. So wird der Hausnotrufknopf nicht wie angedacht um den Hals getragen, sondern oft im Wohnzimmer oder im Nachttisch liegen gelassen. Somit kann die allein lebende Person, die vielleicht im Badezimmer gestürzt ist, den Knopf gar nicht drücken. Till erweitert diese Überlegungen um die Perspektive der Wohnungswirtschaft: “Aus Sicht der Wohnungswirtschaft stellt sich die Situation recht ähnlich dar: Welche Lösungen sind für welchen Mieter relevant? Hier ist Flexibilität gefragt, die beim festen Verbau der Hardware nicht immer gegeben ist und schlussendlich die Frage der Refinanzierung für das Assistenzsystem.”


“Für die Gesundheitswirtschaft besteht hier die große Chance, präventiv ,einzugreifen‘ und so schon vorab zu helfen und nicht erst reaktiv, wenn es möglicherweise zu spät ist.”


Aufgrund dieser entdeckten Schwachstellen von bestehenden Lösungen fokussieren sich zahlreiche Forschungsprojekte wie beispielsweise BLADL und SUITE auf die Analyse von Verbrauchsdaten. Till sagt dazu: “Personen, die auf Hilfe angewiesen sind oder aber im Alter alleinlebend sind, verbringen einen Großteil des Tages in Ihrer Wohnung und nutzen so Wasser, Wärme und natürlich Strom. Da es in diesem Setting um sehr ‘eingespielte’ Tages- und Bewegungsabläufe geht, spielen die Verbrauchsdaten hier eine besondere Rolle.” Denn so gut wie jede Aktivität im Haushalt resultiert in einem Verbrauch. Daraus kann mit künstlicher Intelligenz ein Gewohnheitsmuster abgeleitet werden.

Bei Abweichungen oder Ungereimtheiten können Angehörige oder Dritte vom System und ohne das Zutun des Nutzers informiert werden. Dieser Ansatz funktioniert ohne jegliche Sensorik im Haushalt und schützt gleichzeitig die Privatsphäre des Bewohners. Für Till geht es um die optimale Aufbereitung der Daten: “In Zukunft müssten alle verfügbaren und relevanten Daten aus dem Haushalt in einem System zusammengeführt werden. Beispielsweise könnte die Information lauten: Wurde heute zwischen 6-9 Uhr die Kaffeemaschine durch den Senior bedient? Damit kann im „Ökosystem“ (Beispiel: Pflegender-Angehöriger-Pflegedienst) ein bestmögliches Bild und ein genauerer Zustand aufgezeigt werden. Hier sollte die Technik so konzipiert sein, dass die relevanten Informationen automatisch im Hintergrund erfasst, gesammelt und verarbeitet werden.”

Beispiel von Aktivitätserkennung an dem Stromlastgang eines Haushaltes

Im Fall von Fehlalarmen – z.B. weil die betroffene Person heute besonders früh aus dem Haus ist, ohne einen Kaffee zu kochen – könnte der Angehörige eine SMS erhalten und dann die betroffene Person anrufen, um zu fragen, wie es geht. Selbst in einem solchen Fall würden sich beide Seiten nicht über den eigentlich „unnötigen“ Anruf ärgern. Fehlalarme steigern also sogar die soziale Interaktion innerhalb von Familien. Das ist ein weiterer starker Pluspunkt dieser Methode. Perspektivisch lassen sich hier sogar professionelle Angebote, wie z.B. eine Notrufzentrale einbinden, um rund um die Uhr, im Fall der Fälle, Kontakt zu der betroffenen Person aufzunehmen.

Eine smarte Nutzung von Verbrauchsdaten stellen aus Tills Sicht eine Win-Win-Situation für Sorgende und Umsorgte dar: “Für die Gesundheitswirtschaft besteht hier die große Chance, präventiv ‘„einzugreifen’ und so schon vorab zu helfen und nicht erst zu reagieren, wenn es möglicherweise zu spät ist. Das sollte dazu führen, dass auf allen Seiten Kosten reduziert werden und dem hilfsbedürftigen Menschen frühzeitiger geholfen werden kann.“

Smarte Assistenzsysteme sollen und werden niemals die Anwesenheit und Fürsorge eines Menschen ersetzen können. Die Technik kann uns aber dabei unterstützen, zukünftige Herausforderungen von alternden Gesellschaften zu begegnen. Doch anstatt Kunden einen fertigen Algorithmus zu präsentieren, sollten die Anbieter von smarten Produkten diese gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickeln. Um die Würde des Menschen zu achten, brauchen wir gerade in der Gesundheitswirtschaft mehr “explainable intelligence” anstatt “artificial intelligence”.

STAWAG, Fresh Energy und Innoloft testen digitalisierte Services für Stromkunden

Aachen/Berlin, 29.04.2020. Die STAWAG, Stadtwerke Aachen Aktiengesellschaft, hat gemeinsam mit dem Berliner Smart Meter Datenunternehmen Fresh Energy und dem Aachener Startup Innoloft im Herbst letzten Jahres das Pilotprojekt „STAWAG-Digitalstrom“ gestartet. Über dieses erhalten Testkunden aktuell Echtzeiteinblicke in ihre Stromverbräuche. Möglich macht das die von Fresh Energy entwickelte White-Label-Plattform, die in Verbindung mit jeder Art von intelligenten Stromzählern und einer App Energieverbrauchsdaten von Geräten erfasst, aufbereitet und visualisiert.

„Für uns ist dies ein weiterer Baustein auf dem Weg zum digitalen Energiedienstleister. Unseren Kunden bietet der digitale Service einen direkten Nutzen“, erklärt Andreas Maul, Bereichsleiter Vertrieb bei der STAWAG. „Sie erhalten Einblick in gerätespezifische Echtzeitverbräuche und haben darüber hinaus die Chance, selbst aktiv Einfluss auf den Verbrauch zu nehmen und ihn zu reduzieren. Das wiederum trägt dazu bei, Stromkosten zu verringern und den CO2-Footprint zu reduzieren.“

Derzeit beteiligen sich 13 Pilotkunden aus dem privaten und gewerblichen Bereich an dem Projekt. Die engagierten Pilotkunden testen die Funktionen der App ausgiebig. „Am Ende entscheiden wir, ob das Pilotprojekt in die weitere Umsetzung gehen wird oder nicht“, so Andreas Maul. Bei einer Realisierung würden die Stromkunden zudem von einer transparenten Abrechnung auf Basis ihres Verbrauchs profitieren, bei der die monatlichen Abschlagszahlungen entfallen.


digitalHUB Aachen als innovativer Testkunde beteiligt

Einer der gewerblichen Testkunden ist der digitalHUB Aachen, der die digitalCHURCH als bundesweit ersten CoWorking Space in einem Kirchenschiff betreibt. Die Kirche ist Sinnbild für einen besonderen Ort der Kommunikation und Offenheit, der aber auch Verbundenheit und Nähe zum Menschen signalisiert. Anliegen des digitalHUB ist es, junge Gründer und ihre innovativen Ideen mit der Stadt Aachen, etablierten Unternehmen der Umgebung und darüber hinaus zu verbinden.

„Das Pilotprojekt ‘STAWAG-Digitalstrom’ zeigt, dass unser Konzept aufgeht. Durch die enge Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit digitalen Startups entstehen in den Unternehmen neue Geschäftsmodelle in Hinblick auf Kundenzentrierung und digitale Wertschöpfung“, erläutert Iris Wilhelmi, Geschäftsführerin des digitalHUB Aachen e.V. „Als Testkunde freuen wir uns sehr über den detaillierten Überblick zu unseren Stromverbräuchen und können diese nun auch aktiv in Richtung Energieeffizienz steuern“, resümiert Wilhelmi.


Innoloft stellte Weichen für den Testpiloten 

Unterstützung beim aktuellen Pilotprojekt erhält die STAWAG durch das Innovationsnetzwerk Innoloft. Mit Fokus auf Innovationsprojekte begleitet Innoloft Innovationsprozesse von der Initiierung, Planung bis hin zur Implementierung digitaler Geschäftsmodelle. So ging der Anstoß zum „STAWAG-Digitalstrom“ Projekt von Innoloft aus. Zudem engagiert sich Innoloft als Testkunde in dem Projekt. „Als innovationsförderndes Unternehmen wollen wir Innovationsprojekte nicht nur initiieren, sondern ebenso dafür sorgen, dass sie umgesetzt werden. Das „STAWAG-Digitalstrom“ Projekt war die passende Gelegenheit, uns aktiv an einer für den Energiemarkt Weichen stellenden Lösung zu beteiligen“, erklärt Sven Pietsch, CEO von Innoloft. Daher hat auch Innoloft seinen Stromzähler auf „digital“ umgestellt. Das Aachener Startup hat ebenfalls seinen Sitz in der digitalCHURCH und bezog im letzten Jahr seine Büroräume im Kaplanshaus der ehemaligen Kirche.


Strom als personalisiertes Produkt um Zusatzservices ergänzt

Ein Hauptanliegen des „STAWAG-Digitalstrom“ Projektes ist, den Strom für Kunden zu personalisieren: „Wir bringen mit einem personalisierten Zugang zum individuellen Verbrauch das Produkt Strom näher an die Menschen heran, wodurch Energieversorger, wie die STAWAG, besser auf Kundenwünsche und -bedürfnisse eingehen können“, sagt Artur Borger, Chief Commercial Officer bei Fresh Energy. „Allerdings ist die Herstellung von Strom-Transparenz und der verbrauchsgenauen Abrechnung am Ende des Monats nur der Anfang. Unser Serviceangebot wird durch weitere Mehrwert-Services für die Kunden ergänzt“, betont Borger.

Damit sollen künftig Endkunden nicht nur mit Energie, sondern ebenso mit Gesundheits-, Sicherheits- und weiteren Services versorgt werden können. Natürlich immer unter Beachtung von  höchstem Datenschutz und immer nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden hin. Das Feedback von Kunden, die die bestehende App nutzen, ist laut einer Marktbefragung von Fresh Energy jedenfalls positiv. 74 Prozent von 105 befragten Usern würden die App weiterempfehlen, 77 Prozent schätzen die monatliche Abrechnung und 84 Prozent gaben an, enttäuscht zu sein, wenn sie die App nicht mehr nutzen könnten.


Über die Stadtwerke Aachen  

Die STAWAG ist der Energiedienstleister für Aachen und treibt schon seit 25 Jahren Innovationen und Klimaschutz voran. Sie liefert täglich Strom, Erdgas, Fernwärme und Trinkwasser an über 150 000 Kunden. (www.stawag.de)


Über Innoloft

Das Innoloft Netzwerk fördert Innovationen, indem es die innovativsten Akteure aus allen Technologiebranchen verbindet. Join now and create tomorrow together!
( https://innoloft.com)


Über digitalHUB Aachen

Der digitalHUB gestaltet Digitalisierung gemeinsam mit Startups und etablierten Unternehmen. Durch Information, Bildung und Beratung sowie Vernetzung und CoWorking schaffen sie ein Ökosystemen für digitale Innovationen.
(https://aachen.digital/digitalhub-aachen/)